Zur Entstehung des Buches
Das Erzählen von Geschichten war für uns beide immer das Wichtigste im Leben. Wir haben beide unveröffentlichte Romane in der Schublade. Kurzgeschichten und Gedichte im Selbstverlag oder Internet veröffentlicht. Werbefilme, Kurzfilme und den langen Dokumentarfilm Nachbarn rollen vorüber gemacht. Und uns wissenschaftlich mit Erzähltheorie und Kreativem Schreiben beschäftigt.
Dieses Projekt ist für uns beide das erste, das sich an ein großes Publikum richtet. Alle Ideen der letzten 20 Jahre flossen in diese Buchserie. Weil sie so hungrig wurde, dass sie alles verschlang.
In der Kieler Buchhandlung Zapata https://www.zapata-buch.de/
Inga schreibt für sich allein
Inga schreibt wesentlich mehr als Mika. Sobald sie Zeit hat, sitzt sie am Computer. Sie schreibt allerdings primär für sich selbst: Die meisten Texte kriegt nicht mal Mika zu sehen. Wie das
Kochen, Backen, Kreieren von Pralinen und Torten, Filmen oder Musikmachen, ist das Schreiben für Inga ein fundamentales, kreatives Grundbedürfnis. Um den Alltag zu ertragen. Ob die Texte am Ende
gut sind... oder überhaupt fertig werden, ist eher nebensächlich.
Carl Spitzweg - Der arme Poet
Mika schreibt für andere
Mika schreibt, filmt, schneidet und macht Musik: Aber immer mit einer kommunikativen Absicht. Seit 2001 präsentiert er Texte und Filme auf Lesungen und Partys im Kieler Umland. Musikprojekte,
Werbefilme, die Wohnstätten-Doku oder der Gedichtband Tante Suse hatten immer ein konkretes Publikum im Kopf. Anders als Inga gibt Mika seine Texte gerne frei. Deswegen liegen auf dem Dachboden der alten Projekte vor allem Mikas Sachen herum.
Heinrich Zille - Der trutzige Reiter
Eine Idee kommt vorbei
Im Winter 2010 kam eine neue, wirklich tragfähige Erzähl-Idee vorbei: "Wie sähe die Welt aus, wenn heute noch Menschen aus vergangenen Jahrhunderten leben würden?" Anfangs wirkte der Gedanke
klein und überschaubar. Erst nach und nach stellte sich heraus, was hinter ihm wartete.
2010 hatten wir gerade die Produktion des Claus-Sinjen-Filmes begonnen. Also stellten wir die Idee im Hinterkopf ab. Und ließen sie warten. Zehn Jahre lang.
Straßenumfrage: Lange lebende Menschen
Auf Familienfeiern oder bei Treffen mit Freunden stellten wir immer mal die Frage: "Welche historischen Personen würdest Du gerne treffen? Welche bereits verstorbenen Menschen sollten heute noch
am Leben sein?" Manche wünschten sich Hildegard von Bingen. Andere Kurt Cobain. Die Antworten sagten mehr über die Sprecher, als über die Idee.
2014 feierte der Wohnstättenfilm Premiere. Im Herbst 2014 lief er auf den Nordischen Filmtagen. Im Winter 2015 kehrten wir zurück zu unserer wartenden Idee.
Lange lebende Menschen in der Kulturgeschichte
Es gibt viele Beispiele für lange lebende Menschen in der Kulturgeschichte: Baron Münchhausen, Dracula, Virginia Woolfs Orlando oder Simone de
Beauvoirs Tous les hommes sont mortels . Und natürlich den Highlander Connor MacLeod.
Die Gleichzeitigkeit von Allem
Aber wir wollten nicht wissen: "Wie kommt ein unsterblicher Mensch mit der veränderten Welt zurecht?" - Sondern: "Welche Geschichten ergeben sich, wenn Menschen aus allen Jahrhunderten
miteinander ins Gespräch kommen?" - An ihrem langen Leben entlang erzählen wir anschaulich, witzig und möglichst tröstlich, wie sich jahrtausendealte Ideen (Misogynie, Klassismus, Rassismus) bis
heute fortsetzen. Als kulturelle Sedimente. Insofern ist unser Romanprojekt kein Historienroman. Sondern ziemlich gegenwärtig. Allerdings in historischer Sauce.
Pitch
"Alle Menschen, die je auf der Erde gelebt haben... (und die noch leben werden), haben die Möglichkeit, viele tausend Jahre alt zu werden. Die meisten schafften es nicht: Sie starben vorher,
durch Krankheiten, Kriege, Naturkatastrophen, schlechte Lebensbedingungen, Hunger oder fehlende Hygiene. Doch überall auf der Welt gibt es noch 300jährige, 500jährige oder vereinzelt sogar noch
1.000jährige Menschen. Die aus erster Hand von ihren Erfahrungen erzählen können."
Anstandsregeln
Für das Sampling historisch überlieferter Personen, die wir in die Gegenwart holen, gaben wir uns drei Anstandsregeln:
Rembrandt van Rijn - De anatomische les van Dr. Nicolaes Tulp
1.) Wir belassen den Lebenslauf der historischen Person wie er war. Zwar kürzen wir den Tod heraus und verlängern die Lebenspanne. Doch der überlieferte Charakter muss erhalten bleiben. (Sofern
überhaupt etwas überliefert wurde.)
2.) Persönlichkeiten, deren Tod die Kulturgeschichte nachhaltig beeinflusste, holen wir nicht in die Gegenwart. Das gilt z.B. für Jesus Christus, Friedrich Schiller oder John Lennon.
3.) Persönlichkeiten, die Suizid begingen, werden nicht von uns umgedeutet und wieder auferweckt. May Ayim und Kurt Cobain sind also auch in unserer Diegese nicht am Leben.
Otto Kaule: Friedhof auf dem Lande
Haustür
Als wir mit dem Schreiben begannen, wurden wir gefragt: "Das ist ja toll! Kann ich schon mal den Anfang lesen?" Natürlich ist der Anfang eines Romans wichtig: Er ist der Eingang ins Buch! Aber
würden wir ein Haus bauen, würden sie ja auch nicht fragen: "Kann ich schon mal die Haustür sehen?" Bevor es an die Haustür geht, muss doch erstmal ein Architekturplan gezeichnet werden. Ein
Bauplatz gefunden. Baumaterialien besorgt. Und ein Fundament gegossen.
Mögliche Haustüren für einen Roman.
Bauplatz
Der Bauplatz ist sozusagen der Ort des Buches: Wo liegt das Buch im Markt? Welches Genre wird es haben? Welche Form? An wen wendet es sich? Wie ist der Grad an Kompliziertheit? Mainstream oder
Kunst? Der Bauplatz ist im Grunde: Die Zielgruppe des Buches.
Günter Grass oder Terry Pratchett?
Wir überlegten: Was für einen Roman hätte Günter Grass wohl aus dieser Erzählidee gemacht? Ein schweres, dampfendes, fetttriefendes Stück deutscher Nachkriegsgeschichte? Oder (nur for arguments
sake) Terry Pratchett? Eine leichte, luftige Sommer-Satire, voller Wortspiele?
Was es nicht sein soll
Beide hätten vermutlich etwas höchst unterschiedliches mit den lange lebenden Menschen angestellt. Aber uns war schnell klar: Wir wollten weder das eine, noch das andere. Wir suchten etwas
anspruchsvolles, zeitgenössisches, das trotzdem witzig und leicht zu lesen war. Und am Ende upliftig. Tröstlich. Ein cleveres Trostbuch.
Suche nach passendem Baumaterial
Wir gingen in den Baumarkt. Um Material zu finden für unseren Roman. Welche Steine sollten wir benutzen? Wo und wann sollte die Geschichte spielen? Welche Themen sollte sie verhandeln? Aus
welcher Perspektive? In welchem Erzählton?
Sampling & Recycling eigener Ressourcen
Das Recycling, Upcycling, Samplen und Zitieren passt sehr gut zur Idee der lange lebenden Menschen. Aus bereits vorhandenen eigenen Interessen und Kompetenzen wurden Erzählkerne. Zum
Beispiel:
- Nordische Mythologie, Wikingerkultur (durch Ingas Studium)
- die Hamburger Brauerei Deetjen & Schröder (durch Mikas Familie)
- die Werke E.T.A. Hoffmanns (den Inga gut kannte)
- das Thema Behinderung (durch Mikas Arbeit)
- das Thema Flucht (durch Ingas Arbeit)
- Afrodeutschland (durch Ingas Erfahrung)
- Kamerun (durch Mikas Erfahrung)
- Queere Geschichten (durch Ingas Interesse)
Eine der wichtigsten Ressourcen war natürlich unsere Heimatstadt: Kiel.
Bammel vor "Regionalliteratur"
Es war immer klar, dass das Buch in Kiel spielen sollte. (Bzw. in Kiel beginnen: Ab Buch zwei dehnt sich die Geschichte über Hamburg, Berlin, Polen und die Türkei bis nach Ghana und Kamerun aus.)
Ein Roman, der in Berlin spielt, wird nicht "regional" genannt. Sondern "Hauptstadtroman". Aber Schleswig-Holstein ist ein bisschen der Dachboden Deutschlands. Wir hatten Schiss, dass ein Roman
aus Kiel sofort in der Kiste "Regionalliteratur" landet. Aber am Ende vertrauten wir dem Konzept der Tatort-Krimis: In denen überregionale Geschichten in regionalem Ambiente erzählt werden.
In der Kieler Buchhandlung Zapata https://www.zapata-buch.de/
Erzählperspektive
Schon früh beschlossen wir, aus der Perspektive eines jungen Menschen zu erzählen. Der in die Vergangenheit zurückblickt. Und nicht alles versteht. Mika wollte gerne aus der Sicht einer
weiblichen Figur erzählen. Aber Inga setzte sich durch: Sie erfand den Ich-Erzähler David ganz explizit, um eine schwule Liebesgeschichte zu erzählen. Zwischen einem 20jährigen jungen Mann und
einem 6.000 Jahre alten Krieger.
Wie wir zusammenarbeiten
Inga interessiert vor allem das Erfinden. Sie recherchiert, erfindet Figuren und Konflikte, konstruiert Plots, hat aber selten Lust, ihre Texte fertig auszuformulieren.
Mika interessiert vor allem das Erzählen. Er montiert und entwickelt dramaturgische Strategien. Hat aber selten Lust, komplexe Plots zu entwickeln.
Konkreter Arbeitsablauf
Wir sprechen über Ideen und Ansätze. Arbeiten dann getrennt, jeder im eigenen Tempo, an dem, was uns interessiert. Inga recherchiert z.B. zu Kieler Stadtgeschichte, schleswig-holsteinischer
Landesgeschichte, LGBTIQ+-Themen, muslimischer Kultur, Kriegsreisenden, Drachen und der Sesshaftwerdung der Menschheit. Mika recherchiert z.B. Märchen, Feminismus & Antifeminismus,
Ehrenduellen im Deutschen Kaiserreich, afrodeutschem und jüdischem Leben, Schafszucht, Kopenhagen und Berlin.
Mika hat eine Plot-Idee. Recherchiert Material und gibt das Ganze an Inga weiter. Inga analysiert Mikas Idee. Recherchiert eigene Ansätze, entwickelt einen Plot und gibt das Ganze an Mika zurück.
Mika erarbeitet Dramaturgie und Sprache. Inga bessert Fehler aus und korrigiert, was ihr nicht gefällt... Anschließend schleifen wir beide immer wieder über den Text hinüber herüber drüber. So dass am Ende nicht mehr auszumachen ist, wer welches Wort geschrieben
hat.
Das Gute an der Zusammenarbeit: Wir arbeiten nach unseren Stärken. Und produzieren beide Material. Bauen also in kurzer Zeit relativ viel Stoff auf. Für kommende Romane.
Schreibbeginn
Im Januar 2019 feierten wir den Schreibbeginn des ersten Romans mit einer Lesung in der Pumpe. Wir lasen mit verteilten Rollen einen Ausschnitt aus der gerade entstandenen Ouvertüre. Und zeigten
zwei Folgen des Videoblogs. Musikalisch wurde die Veranstaltung begleitet durch ein Konzert der safar-Band aus Kiel. Die Reaktionen des Publikums gaben uns einen fantastisch motivierenden
Kick-off.
Video-Blog
Im Sommer und Herbst 2019 arbeiteten wir wie besessen am Buch. Nebenbei filmten wir einen Video-Blog: In dem wir das Schreiben reflektierten. Eine befreundete Familie baute ein Haus: Und wir
filmten den Hausbau, als Metapher für den Bau des Buches. Wir waren mit der Kamera auf Mittelalter-Märkten, um historische Atmosphäre einzufangen. Wir feierten ein Barockfest im Stadtmuseum
Warleberger Hof: Mit dem Kieler Verein La Société Baroque: Tanz und Live-Musik! (Das
Barock-Orchester bestand im wesentlichen aus Mikas Familie.) Mit Musikern der alten Claus-Sinjen-Band nahmen wir drei Tage lang Musik für den Video-Blog auf.
Prokrastination Video-Blog
Langsam wurde uns klar: So geht es nicht weiter! Der Video-Blog sollte ein Paratext werden: Eine Hilfe, das Buch zu verkaufen! Aber die Organisation nahm Überhand. Und fraß uns auf. Wir zogen die
Notbremse. Und stellten den Blog vorläufig ein. Um erstmal das Buch fertigzuschreiben.
2020
Im Februar 2020 besuchten wir einige Veranstaltungen beim Black History Month in Kiel. Es manifestierte sich der Entschluss, die koloniale Vergangenheit Schleswig-Holsteins und Dänemarks zu einem
Ankerpunkt zu machen. Neben dem historisch überlieferten Christoph Tafeldecker, regional ans Gut Knoop gebunden, trat Anton Wilhelm Amo in unser Leben. Bei der Suche nach "lange lebenden
Menschen", die wir in die Gegenwart holen wollten, stand er in der ersten Reihe.
Einen Monat später, im März 2020, legte die Corona-Pandemie die Welt lahm. Und nebenbei auch unser Projekt.
Pixabay: Saydung
Corona
Inga arbeitet als Küchenchefin in einer Betreuten Grundschule. Mika als Assistent von Menschen mit Behinderung. Unsere Berufe gelten beide als systemrelevant. Während andere Menschen 2020 in
Lockdown oder Homeoffice gingen, machten wir Überstunden. Inga organisierte mehrere Jahre lang das Mittagessen für 250 Kinder in Kohorten. Mika pflegte in der Claus-Sinjen-Straße coronakranke
Bewohner*innen. In voller Pflegemontur. Über ein Jahr arbeiteten wir nicht am Buch.
Legenden um Euphrosine Kottelwik
Im Sommer 2021 saßen wir auf dem Balkon und versuchten, wieder in das Projekt zu steigen. Eine neue Idee wurde zum Türöffner: Über das Buch verteilt kleine Legenden über die Dorfhexe Euphrosine
Kottelwik zu erzählen.
Kritik & Lektorat
Mitte 2025 stellten wir das Buch in einer ersten Version fertig. Zum Gegenlesen verteilten wir es großzügig im Freundes- und Bekanntenkreis. Manche Leser*innen fanden es ganz toll! Aber konnten
es gerade nicht zuende lesen. (WTF?) Andere fanden es furchtbar. Aber lasen es trotzdem gerne zuende. (Pflichtbewusstsein? Masochismus?) In den diversen Reaktionen spiegelte sich unsere
Zielgruppe: Weibliche, jüngere, queere Leser*innen waren mit der Geschichte sehr zufrieden. Ältere, vor allem männliche, vor allem konservative Menschen absolut nicht. Gut so!
Das Buch wird geteilt
Unsere Freundin (Deutsch- und Geschichtslehrerin) Liska Plazura wurde zur wichtigsten Testleserin. Sie las das Buch fünfmal, in verschiedenen Stadien. Und erklärte: "Ich liebe David und seine
Geschichte! Konzentriert euch auf ihn! Nehmt alles raus, was nichts mit David zu tun hat!" Liska hatte recht. Wir lektorierten das Buch radikal. Und kürzten fast ein Drittel heraus. Insbesondere
alles Private, kleine Witze und Eitelkeiten flogen raus. Das Buch wurde immer besser.
Das fertige Haus!
Agentursuche
Seit Februar 2026 suchen wir aktiv eine Literaturagentur. Menschen, die sich vorstellen können, unser Projekt zu übernehmen.
